Dokumentation Veranstaltungsreihe „30 '89: DDR-Geschichte und Gegenwart

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08.11.2019

30 Jahre 1989: Wirtschaft, Beruf und Freizeit

Bericht zur dritten Veranstaltung der Reihe „30/´89“ von Universität Erfurt und Rosa-Luxemburg-Stiftung

Zur dritten Veranstaltung der Reihe „30/‘89“ am 18. September 2019 waren auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) und der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt erneut Wissenschaftler*innen und Zeitzeug*innen über das Erbe des vor 30 Jahren untergegangenen „zweiten deutschen Staates“ im Gespräch. Diesmal ging es um den Themenkomplex Wirtschaft, Beruf, und Gleichstellung der Frauen.

Als Impulsgeber und Gesprächspartner auf dem Podium hatten Professor Dr. Thomas Kuczynski, langjähriger Leiter des Instituts für Wirtschaftsgeschichte der Humboldt-Universität Berlin und Publizist, Frau Professorin Dr. Hildegard Maria Nickel, Soziologin von der Humboldt-Universität Berlin, Forscherin zu gesellschaftlichen Transformationsprozessen und zu Geschlechterverhältnissen sowie Professor Dr. Frank Ettrich von der Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erfurt, Soziologe und Mitinitiator der Veranstaltungsreihe, Platz genommen. Moderiert wurde die Veranstaltung durch Katalin Hahn von der Universität Erfurt.

Die Rolle der Planung im Kapitalismus und im Staatssozialismus

Zu Beginn seines Impulsbeitrages beschrieb Thomas Kuczynski die Rolle der Planung in den verschiedenen Systemen: ökonomische Planung sei sowohl für staatssozialistisch als auch für kapitalistisch verfasste Gesellschaften grundlegend - jeder Handwerksbetrieb, jeder Konzern plane. Unterschiedlich sei allerdings das Ziel. Ziel jeder Wirtschaftstätigkeit im Kapitalismus sei nach dem Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman der Profit. Die Wirtschaft werde hier eben nicht durch den Markt reguliert, sondern durch Profit. Dies sei etwa an neuen Produkten ablesbar, die der Markt noch gar nicht kenne, für die man aber mit Profit rechne.

Die staatliche Planung im Staatssozialismus habe andere Ziele gehabt, komplexere, die sich durchaus zum Teil widersprachen. Von größter Bedeutung für die Planungsprozesse sei der Gesetzesrang gewesen, den die Pläne seit dem ersten „Fünfjahresplan“ eingenommen hätten. Damit seien nämlich Verstöße gegen den Plan als Gesetzesbruch einzustufen gewesen und wurden entsprechend bestraft. Folge dieser Rahmensetzung war, dass jede Neueinführung und Innovation die Gefahr von Abweichungen heraufbeschwor und somit ein Risiko darstellte. Der Wirtschafts-mechanismus des Staatssozialismus sei mithin prinzipiell innovationsfeindlich gewesen.

Zudem habe sich gezeigt, dass es schlechthin unmöglich sei, alle Belange einer Wirtschaft einer ohne flexible Mechanismen auskommenden Planung zu unterwerfen. Das machten unter anderem die heute skurril anmutenden Protokolle der Politbürositzungen deutlich.

Einerseits habe das ökonomische System der DDR gerade durch die in diesem System mit dem Anspruch alles zu planen, notwendigerweise ständig auftauchenden Nöte und Planungsmängel Innovationsfähigkeit in bestimmten Zusammenhängen erfordert („Not macht erfinderisch“), und es habe dafür Spielräume gegeben, zum Beispiel Austausch von Mangelwaren zwischen Betrieben oder sogenannte „schwarze“ Valuta-Konten. Auch die COMECON-Listen (Güter, die westliche Unternehmen nicht in Staaten des östlichen Bündnissystems liefern durften) seien als Problemfaktor zu berücksichtigen. Insgesamt sei der ökonomische Prozess durch die grundsätzlichen Einstellungsfehler der zentralistischen Planwirtschaft ein „Aufholen ohne Einzuholen“ gewesen, wie es der Wirtschaftswissenschaftler Jörg Roesler beschrieb.

Wirkungen der deutschen Einheit auf die Gleichstellung der Frauen in Ostdeutschland

Hildegard-Maria Nickel sprach zu den Wirkungen der deutschen Einheit auf die Gleichstellung der Frau in der ostdeutschen Gesellschaft. Sie begann ihren Vortrag mit der Feststellung, die DDR-Frauen hätten Anfang der 1990er Jahre gegenüber bundesdeutschen Frauen über einen Gleichstellungsvorsprung verfügt. Gleichwohl sei die Gleichberechtigungspolitik der DDR erwerbszentriert und mit erheblicher Doppelarbeit für Frauen verbunden gewesen. Im Effekt habe die Gleichstellungspolitik der DDR ökonomische Gleichstellung ermöglicht und die Frauen unabhängig von einem männlichen Familienernährer gemacht. Die hierdurch über mehrere Jahrzehnte aufgebauten besonderen Prägungen machten bis heute „Ostfrauen“ aus und seien Grundlage verschiedener Auseinandersetzungen.

Grundlage der Gleichstellungspolitik des DDR-Staates sei der ideologische Grundsatz gewesen, dass sich Persönlichkeitsentwicklung vor allem über die Arbeit vollziehe. Auch in der DDR seien Frauen meist in schlechter bezahlten Frauenberufen tätig gewesen, obwohl es auch zum Beispiel Kranfahrerinnen oder Ingenieurinnen gegeben habe - jedenfalls mehr als heute. Die Arbeitsteilung in Familie und Gesellschaft sei weitgehend traditionellen Rollen gefolgt. Trotz des Grundsatzes „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ sei deswegen das weibliche Arbeitseinkommen etwa um 25 Prozent geringer gewesen. Ein den Frauen zustehender Haushaltstag habe das traditionelle Rollenbild eher befestigt. Ungeachtet dessen errangen Frauen durch ihre gesellschaftliche Position erhebliche Gewinne an Selbständigkeit und Selbst­bewusstsein, das traditionelle männliche Ernährer-Modell wurde weitgehend zurückgedrängt. Es habe zudem Phasen gegeben, vor allem in den 1960er Jahren, über Qualifizierung etc. zu mehr struktureller Gleichstellung zu kommen. Auch die Wertschätzung für die Leistungen der Frauen sei Teil der Gleichstellungspolitik gewesen und hätten im Alltag gewirkt. Mehrmals im Jahr seien Anlässe gefunden worden, „Unseren werktätigen Muttis“ Anerkennung zukommen zu lassen.

Nickel stellte fest, insgesamt gesehen, sei die Gleichstellungspolitik der DDR „eine von Männern gemachte staatliche Politik für Frauen gewesen, die Frauen tatsächlich entgegenkam.“ Im Falle des positiv zu bewertenden Schwangerschaftsunterbrechungsgesetz von 1972 etwa seien Frauen in Konzipierung und Umsetzung aber kaum einbezogen gewesen. Einerseits rechtfertigten die Erfolge in Punkto Gleichstellung der Frau, von einem Modernisierungsvorsprung der DDR-Gesellschaft gegenüber der BRD zu sprechen. Zugleich seien emanzipative Bewegungen, die auch offen für alternative Lebensentwürfe gewesen wären, damit „abgedeckelt“ worden.

Nach einer differenzierten, aber insgesamt für das Selbstbewusstsein und die gesellschaftliche Rolle der Frau positiven Bilanz der DDR-Jahre habe der Prozess der De-Industrialisierung und der Überstülpung westdeutschen Rechts in den 1990er Jahren für viele ostdeutsche Frauen schwere Verwerfungen mit sich gebracht. Das männliche Ernährer-Modell sei plötzlich wieder aufgetaucht und steuerlich und sozial zur Vorgabe geworden. Frauen, die sich in der DDR-Zeit hatten scheiden lassen, wurden jetzt für ihr selbstbewusstes Verhalten mit schweren sozialen Nachteilen bestraft. Wie sich diese krassen Veränderungen zum Beispiel auf jüngere Frauen auswirkten, die in den 1990er Jahren aus erwerbsbedingten Gründen zu hohen Anteilen in den Westen gingen, sei noch nicht erforscht. Die materielle Situation von ostdeutschen Frauen habe sich im Ergebnis der politischen Wende meist verbessert, aber das Vertrauen in das eigene Handeln, in die demokratischen Möglichkeiten sei heute vielfach beschädigt.

Wirtschafts- und Erwerbsleben in der DDR

Frank Ettrich von der Universität Erfurt wählte einen soziologisch-vergleichenden Ansatz, um einen Blick auf das Wirtschafts- und Erwerbsleben der DDR zu werfen. Grundsätzlich sei davon auszugehen, dass die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen BRD und DDR bei allem Abstand geringer waren als etwa zwischen Rumänien und der DDR. Wie die BRD sei die DDR eine deutsche Industriegesellschaft gewesen, letztlich auch eine exportbetriebene Wirtschaft, deren Krise zu ihrem Ende beigetragen habe. Von einem wirtschaftlichen Zusammenbruch könne dennoch keine Rede sein. „Die DDR war eine Arbeitsgesellschaft. Betriebe waren soziale Institutionen. Die Identifikation vollzog sich stark über Arbeit, Betrieb und Beruf.“ Für 3,5 Millionen Menschen sei dies kurz nach der deutschen Einheit weggefallen und dies sei individuell oft schwer zu verkraften gewesen. Die DDR sei eindeutig nach einem fordistischen Produktionsmodell geprägt gewesen: Massenproduktion und Massenkonsum. Damit folgte die DDR den meisten anderen Gesellschaften sowjetischen Typs. Dabei habe es mit der Massenproduktion besser geklappt als mit dem Massenkonsum.

Zentral für die Wirtschaft sei, wie schon Kuczynski ausgeführt habe, die Frage der Planung gewesen: „Ein staatliches Banken- und Finanzsystem, Planziffern und Vorgaben, andererseits

informelle Beziehungen und Praktiken.“ Das Wirtschaftswachstum in der DDR in den 1970er und 1980er Jahren sei auf dieser Basis immerhin höher gewesen als in der Bundesrepublik, allerdings hätten ungleiche Austauschbeziehungen und Effizienzverluste auf allen Ebenen solche Effekte wieder geschluckt. Ettrich unterstrich seine Ausführungen mit einem Beispiel: So habe das Berliner Kabelwerk in den 1980er Jahren weder den Plan noch zusätzliche ihm aufgegebene Leistungen für den Konsum der Bevölkerung ohne Wochenendschichten geschafft. Es entstand das Paradox, dass die Beschäftigten über 100 Prozent Planerfüllung schrieben, aber trotzdem die Vorgaben nicht erfüllt wurden. Gegen Versuche, Änderungen zu erreichen, Kameras und Normerhöhungen einzuführen, hätten sich die Beschäftigten mit Streiks erfolgreich zur Wehr gesetzt. Ettrich sagte dazu: „Man hatte sich auf eine bestimmte Weise, die die eigenen individuellen Prämissen durchaus berücksichtigte, in der Arbeitsgesellschaft eingerichtet. Das Beispiel macht deutlich: Die Aushandlungsmacht lag in bestimmten Fragen der alltäglichen Produktionsorganisation durchaus bei den Belegschaften.“ Eine weitere interessante Facette seien etwa Schwarze (Valuta-) Konten auf der Ebene des Managements gewesen, um ggf. auftretende schwerwiegende Probleme selbst an allen Regulationsmechanismen vorbei klären zu können. Insgesamt könne festgestellt werden: Sowohl bei abhängig Beschäftigten als auch beim Management wurden erhebliche Leistungen vollbracht, um unter den Bedingungen einer unbeweglichen Planwirtschaft eine fordistische Wohlstandsgesellschaft zu schaffen.

Die in den letzten Jahren der DDR tatsächlich vorangebrachte technische Erneuerung verschiedener Produktionsbereiche (u.a. Automatisierung) bedeutete insgesamt nicht die Ersetzung extensiver Wirtschaftsentwicklung (Wachstums) durch intensive Prozesse, nicht tatsächliche neue Impulse grundsätzlicher Art, sondern nur Ersetzung menschlicher Arbeitskraft durch Maschinen.

Insgesamt sei die gesellschaftliche Wohlstandserzeugung in der DDR durch eine vielfältige, durchaus differierende lebendige alltägliche Praxis gekennzeichnet gewesen, die mit dem Untergang des Staates gravierenden Veränderungen unterzogen wurde.

Diskussion

In der Diskussion wurde seitens des Publikums zunächst die Frage aufgeworfen, inwiefern sich Frauen, die nach der Wende geboren wurden, im Kontakt mit Menschen aus den alten Bundes­ländern häufig als Ostdeutsche behandelt fühlen. Hier wirke sich Frau Prof. Nickel zufolge aus, dass sich die Altersgruppe von 15 bis 24 Jahren wie die eigenen Eltern verhalte: konkret werde unter anderem der Grundsatz gelebt, die eigene Erwerbsarbeit müsse Unabhängigkeit ermöglichen. Deswegen gingen viele Frauen dahin, wo interessante berufliche und wirtschaftliche Entwicklungen sind, also in den Westen. Im Osten mangele es an großen Firmenstandorten und Entwicklungsmöglichkeiten. Von den 170 Dax-Vorständen seien nur drei Frauen, aber von diesen zwei aus dem Osten. Interessant sei, dass in einigen Kreisen in Ostdeutschland tatsächlich auch Frauen in der Rolle als Familienernährerinnen anzutreffen seien.

Thematisiert wurde dann aus den Reihen des Publikums die Rolle der Produktivität im Wettstreit der Systeme. Sie habe ein erhebliches Problem für die Wirtschaft der DDR dargestellt: zu alte Maschinen erzeugten eben keine Arbeitsproduktivität. Die Produktivität einer Arbeitsstunde in der DDR-Industrie habe in den 1980er Jahren nur noch 35 Prozent der Produktivität der Arbeitsstunde in West-Industrie betragen. Ohne Ressourcen könnten selbst tolle Ideen nicht umgesetzt werden.

Auch der Beginn der Ölkrise und die Verflechtungen im „Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe“ (RGW) hätten sich ungünstig ausgewirkt. Kuczynski stellte in seiner Antwort die klare Aussagekraft ökonomischer Kennziffern in Frage. Wie seien etwa in der Arbeitsproduktivität die Dienstleistungen abgebildet – wie der öffentliche Dienst, wie die Leistung der Banken? Wie solle man bei verschiedenen Systemen die Arbeitsproduktivität in einen aussagefähigen Vergleich bekommen? Auch das Bruttosozialprodukt sei hier zu hinterfragen, denn es sei „keine Größe der Erzeugung, sondern der Bezahlung“. Profite der Internet-Firmen etwa seien nicht dort erzeugt worden, die Einnahmen stammten letztlich aus den Einnahmen der produzierenden Wirtschaft; im BIP sei also „eine Fülle von Doppelzählungen“ enthalten. Ettrich verwies darauf, dass die Alterung der Bevölkerung im Osten sich vom Westen um 10 Jahre unterscheide. Der Westen biete bessere Gehälter, aber Rückkehrer kämen oft auch aus Gründen des im Westen verbreiteten sozialen Statusdenkens und anderer zwischenmenschlicher Verhältnisse, an denen sie Kritik hätten, wieder zurück.

Die Diskussion wandte sich sodann dem Problem der wirtschaftlichen Steuerung zu. Kuczynski verwies darauf, dass die Frage, wie Systeme Komplexität reduzieren, eine zentrale Frage sei. In der kapitalistischen Wirtschaft gelte nur eine Zielvorgabe: der Profit. Schwieriger werde es für die Steuerung, wenn nicht nur eine Zielvorgabe zu erfüllen sei: „Sobald mehrere Ziele zu erfüllen sind, kann Komplexität nur reduziert werden, wenn Entscheidungen dort getroffen werden, wo sie am sachgerechtesten zu treffen sind.“ Genau dies sei im System der zentralen Planung der DDR aber nicht der Fall gewesen. Anfang der 1950er Jahre habe es in der genossenschaftlichen landwirtschaftlichen Planung noch „Wunsch-Anbaupläne“ gegeben, wo der Versuch gemacht worden sei, wenigstens in einigen Bereichen die Produzierenden an der Aufstellung der Pläne zu beteiligen und bei der Umsetzung der Pläne gewisse Spielräume zu ermöglichen. „Spielräume“, so Kuczynski, „setzen zudem voraus, dass man etwas ausprobieren können muss. Sie setzen ein gewisses Maß an Überproduktion voraus, das auch „falsche Produktion“ ermöglicht. Dies war aber tatsächlich weder wirtschaftlich noch politisch vorgesehen.“ Ohne falsche Produktion, so Kuczynski, könne es keine funktionierende Wirtschaft geben. Sie sei zudem Merkmal einer Komplexitätsreduktion.

Ein die Wirtschaft der DDR kennzeichnendes Merkmal, so wurde aus dem Publikum ergänzt, sei auch die Industriespionage gewesen, vor allem im High-Tech-Bereich: allerdings sei zum Beispiel ein von Japan besorgter Chip bereits veraltet gewesen und man sei hier in eine Situation eines ständigen Aufhol-Wettbewerbs geraten. Ebenfalls prägend sei die Aufwendung von Wirtschaftskraft der Betriebe für die soziale Versorgung der Belegschaften und ihrer Familien gewesen (Kindergartenplätze, Ferienanlagen, medizinische Versorgung) sowie die Zusatzaufgaben in der Konsumgüter­produktion: Kinderwagen, Wandschränke, Autoanhänger und vieles mehr waren durch Industriebetriebe neben ihrer eigentlichen Produktpalette herzustellen.

Erörtert wurde die Frage, ob das ehemalige Volkseigentum einen Unterschied zum Staatseigentum der Bundesrepublik ausgemacht habe. Ettrich stellte fest, dass allein die Tatsache, dass die Beschäftigten sich mit diesem Eigentum nicht verbunden gefühlt hätten, es als tatsächliches Staatseigentum qualifiziere, und zudem alles, was die Wirtschaft betraf, staatlich geregelt und verordnet wurde. Engels schrieb im Anti-Dühring: „Staatseigentum ist das auf die Spitze getrieben Privateigentum.“ Bis heute sei die Frage offen: was ist die Alternative zum privaten Eigentum?

Gefragt wurde zudem, ob man nicht dahin kommen könne, ähnlich des Beispiels in der DDR, stärker Lenkungswirkungen über politische Preise zu erreichen, beispielsweise über besondere Preise für eine Flugreise im Gegensatz zur Benutzung von Zügen. Kuczynski erinnerte in seiner Antwort an Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow, den ehemaligen Regierungschef und Außenminister der UdSSR, von dem der Satz stammt: „Preise sind viel zu wichtig, als dass wir sie unseren Ökonomen überlassen können.“ Genau gesehen, seien alle Preise politisch beeinflusst. Dies beginne bei unterschiedlichen Steuersätzen und ende dort, wo darauf verzichtet werde, gesellschaftliche Kosten einzupreisen. Er finde deswegen die Forderung, dass Preise zu tatsächlichen Preisen werden müssten, naheliegender. Subventionen seien abzubauen. „Natürlich könnte man dem Neoliberalismus mit politischen Preisen ein Stück entgegenwirken, aber die ökonomischen Gesetze werden sich spontan durchsetzen. Zudem gingen sie nichts ans Kernproblem. Das tatsächliche Problem liegt in den Eigentumsverhältnissen und in der neoliberalen Weltwirtschaft.

Umsteuern in der Wirtschaft habe immer etwas mit Investitionen zu tun. Solange dort - auch durch den Staat - nicht entscheidend investiert wird, um umzusteuern, könne man auch durch Preise keine wesentlichen Ergebnisse erreichen. Begrüßt wurde durch Diskussionsteilnehmer, dass mittlerweile die Aufarbeitung der „Treuhand“-Geschichte nach 1989 stärker in den Fokus der Aufmerksamkeit rückt. Viele heute dominante Strukturen gingen auf Entscheidungen dieser Zeit zurück, wobei die Hintergründe oftmals kaum bekannt seien. So beherrsche die Funke-Gruppe die Thüringer Presselandschaft durch einen Deal mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU). 

Am Ende der Debatte wurde die Frage gestellt, ob es 1989 wirtschaftliche Chancen für einen anderen Weg gegeben hätte, und welche Traditionen und Wirkungen denn nun die Ostdeutschen in die Einheit einbringen würden. Kuczynski und Ettrich räumten in ihrer Antwort ein, dass bestimmte konkrete Formen im Vollzug der Einheit anders hätten organisiert werden können, mit dem Ergebnis von mehr Selbstbewusstsein und mehr endogenen Potentialen für die Menschen in den neuen Bundesländern. Ein irgendwie noch weiter eigenständiger Weg sei aber mit den tiefgreifenden Vorgängen 1989-´91 unrealistisch gewesen, denn die Existenz der DDR sei von Anfang bis Ende an die Existenz der UdSSR und des staatssozialistischen Bündnissystems gebunden gewesen. Mit dessen Untergang und mit der Auflösung des wirtschaftlichen Systems des Staatssozialismus in der UdSSR habe auch der DDR für eine weitere eigenständige Entwicklung die Grundlage gefehlt. Zur Frage, welche Wirkungen die Ostdeutschen in die Einheit einbringen konnten, wies Hildegard-Maria Nickel auf frauen- und familienpolitische Einstellungen hin. Der hier in den letzten Jahrzehnten in der Bundesrepublik spürbare Einstellungswandel sei maßgeblich durch die Ostdeutschen und ihre Erfahrungen beeinflusst worden. Noch in den 1990er Jahren habe man im Westen laut über die „ungesunde Erwerbsneigung ostdeutscher Frauen“ gesprochen. Heute gelte deutschlandweit das männliche Ernährer-Modell als nicht mehr zeitgemäß. Laut Forschungen sei bis Anfang der 2000er Jahre das Ganztagsbetreuungsmodell in Kindergarten und Schule in den alten Bundesändern vollkommen verpönt gewesen, auch das habe sich geändert. Heute würden Frauen deutschlandweit Fragen der Ausbildung als zentrale Fragen der Chancenverteilung wahrnehmen.

Dr. Steffen Kachel