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Nachricht | Deutsche / Europäische Geschichte „80 Jahre Nürnberger Rassegesetze – Geburtsstunde des gesetzlich verordneten Antisemitismus“

Ein Exkursionsbericht

Stadtrundgang Fürth

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen und ihre bayerische Bruderorganisation, der Kurt-Eisner-Verein, hatten für Samstag, den 4. Juli 2015, eine Exkursion nach Nürnberg/Fürth organisiert, die sich mit den 1935 in Nürnberg beschlossenen sogenannten „Rassegesetzen“ beschäftigte.

Insgesamt 19 Thüringer_innen (aus Gera, Jena, Erfurt und Bad Salzungen) machten sich am bislang heißesten Tag des Jahres per Bus auf den Weg nach Franken.

In Nürnberg wurden wir von Niklas Haupt vom Kurt-Eisner-Verein und von Siegfried Imholz, der sich bestens mit der Geschichte von Faschismus und Widerstand in der Region auskennt, begrüßt. Niklas hatte im Vorfeld das Programm zusammengestellt, Siegfried stand uns den ganzen Tag mit seinem historischen Wissen zur Verfügung. Auch zwei weitere Menschen aus dem Umfeld des Kurt-Eisner-Vereins und der LINKEN in Nürnberg/Fürth schlossen sich uns an.

Nach dem Mittagessen in der Gaststätte „Gutmann am Dutzendteich“ besuchten wir das in unmittelbarer Nähe gelegene Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände in Nürnberg. Dort hatten wir anderthalb Stunden Zeit für den Rundgang durch die Die Dauerausstellung "Faszination und Gewalt", die sich mit den Ursachen, Zusammenhängen und Folgen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft befasst. Im Mittelpunkt steht die Geschichte der Reichsparteitage, die als gewaltige Massenveranstaltungen von der NS-Propaganda zur Inszenierung der "Volksgemeinschaft" genutzt wurden. Die Zeit für den Rundgang war für einen ersten Einblick in die Vorgeschichte der „Arisierung“ ausreichend – diesem Zweck sollte der Besuch der Ausstellung ja auch dienen - für eine intensive Befassung jedoch natürlich knapp bemessen.

Auf der Weiterfahrt nach Fürth machte der Bus einen Zwischenstopp am jetzigen Sitz der AOK-Direktion Mittelfranken am Frauentorgraben 49 in Nürnberg. Siegfried Imholz erläuterte uns, dass zwischen 1905 und 1945 hier das Gesellschaftshaus des Industrie- und Kulturvereins, einer der prächtigsten Jugendstilbauten der Stadt, stand. Der Saalbau, in den ersten 30 Jahren seines Bestehens wichtiger Veranstaltungsort der Stadt, war im September 1935 Schauplatz eines Ereignisses, das weit über die Stadtgrenzen hinaus Bedeutung erlangen sollte. Es wurden hier im Rahmen des 7. Reichsparteitages der NSDAP am Abend des 15. September die Rassegesetze verabschiedet. Im Januar 1945 wurde das Gebäude durch einen Luftangriff zerstört und in den folgenden Nachkriegsjahren abgerissen. 2006 wurde an der Stelle eine Gedenkstele errichtet.
Weiter ging es nach Fürth. Dort waren wir vom Kurt-Eisner-Verein und dem Infoladen Benario zu einer Kaffeepause eingeladen. Mit kalten Getränken, Obst, Eistee- und Kaffee, Plätzchen und Kuchen konnten wir uns erst einmal von der Hitze erholen. Der Infoladen Benario ist ein antirassistischer und antifaschistischer Treffpunkt in Fürth. Seinen Namen hat er vom Fürther jüdischen Kommunisten Rudolf Benario, der 1933 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde
Nach einer Einführung in die Geschichte der „Arisierung in Fürth“ begaben wir uns dann mit Siegfried Imholz auf den Stadtrundgang, der wegen der Hitze nicht ganz so ausgedehnt wurde wie ursprünglich geplant. Wir besuchten mehrere Orte (Häuser), denen jüdische BürgerInnen gehörten und ihnen nach 1933 geraubt wurden. Siegfried Imholz berichtete auch vom Verbleib der jüdischen Opfer bzw. deren Angehörigen und von mehreren  Entschädigungsverfahren, die es in Fürth gab. Von 1933 bis 1945 die raubten die Nationalsozialist_innen und ihre Helfershelfer_innen den jüdischen Nachbar_innen über 300 Grundstücke und Häuser sowie 190 Unternehmen raubten. 45 ÄrztInnen, RechtsanwältInnen und ApothekerInnen wurde die Zulassung entzogen oder sie bekamen Berufsverbot. 157 FürtherInnen mussten Schmuck und Wertsachen, weit unter dem tatsächlichen Wert, abliefern. Wer emigrieren konnte, musste Sparguthaben und Wertpapiere zurücklassen. Und von den Nachbar_innen wurden noch die letzten Habseligkeiten der in die Gaskammern Deportierten günstig ersteigert. Fürther Unternehmer, Einzelhändler, Makler,  Pfarrer und hunderte „normale Mitbürger_nnen“ waren die Täter_innen. Mit über 2000 Gesetzen und Verordnungen „verrechtlicht“, war die Arisierung der größte Raub in der Geschichte der Stadt. Er vernichtete die wirtschaftliche Existenz der jüdischen Bevölkerung, bevor man sie ermordete.

Um zu Hause noch einmal etwas nachzulesen, gab es für alle Teilnehmenden eine Broschüre zum „Stadtrundgang zur Arisierung in Fürth“ und eine Materialsammlung zu Gesetzen und Verordnungen zur „Verrechtlichung“ der Arisierung.

Nach einem informativen Tag in Nürnberg und Fürth fuhren wir mit dem Bus gegen 19 Uhr in unsere Ausgangsorte zurück.