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Die Biografie von Jeannette van Laak zeichnet das Leben der Grafikerin Lea Grundig als Geschichte von Verfolgung, Exil und politischer Neuverortung nach. Im Spannungsfeld von künstlerischem Ausdruck und ideologischer Anpassung wird sichtbar, wie sehr sich individuelle Lebenswege mit den Brüchen des 20. Jahrhunderts verschränken.
Diese Publikation ist eine mit 37 Illustrationen versehene Biografie der Grafikerin Lea Grundig (1906–1977). Ihr Leben und Werk stehen exemplarisch für die Erfahrungen jüdisch-deutscher Kommunist:innen mit Verfolgung, Exil und politischer Neuverortung nach der Rückkehr als Westemigrantin. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Jahre zwischen 1938 und 1958 – von der nationalsozialistischen Verfolgung über das Exil in Palästina bis zur Etablierung Grundigs in der frühen DDR.
Verfolgung, Exil und künstlerische Neuorientierung
Van Laak entfaltet Grundigs Lebensweg in chronologischer Form, sie analysiert die Erfahrungen einer Künstlerin, die sich in unterschiedlichen politischen und kulturellen Kontexten immer wieder neu positionieren muss. Ausgangspunkt ist die Entrechtung und Verfolgung Grundigs als Jüdin und Kommunistin im nationalsozialistischen Deutschland. 1940 gelingt ihr nach längerer, fast zwei Jahre dauernder Haft die Flucht nach Palästina. Dort ist sie nicht nur mit den Bedingungen des Exils konfrontiert, sondern auch mit der Notwendigkeit, ihre künstlerische und politische Identität neu zu bestimmen.
Im britisch verwalteten Palästina entwickelt Grundig eine eindrucksvolle Bildsprache, mit der sie früh versucht, die Ermordung der Jüdinnen und Juden künstlerisch zu fassen – zu einem Zeitpunkt, als fotografische Zeugnisse der NS-Verbrechen noch kaum verfügbar sind. Zugleich illustriert sie mehr als 20 hebräische Kinder- und Jugendbücher. Künstlerischer Ausdruck, politisches Engagement, Erinnerung und Verlust sind eng miteinander verwoben. Der Kontakt zu ihrem Partner, dem Maler und Grafiker Hans Grundig (1901-1958) ist in dieser Phase abgebrochen. Dieser war mehrere Jahre im KZ Sachsenhausen inhaftiert.
Remigration in die DDR: Anerkennung und Konflikt
Eine zentrale Zäsur ist Grundigs Entscheidung, 1948 Palästina wieder zu verlassen und in das Land «der Täter» zurückzukehren. Van Laak widmet der Remigration besondere Aufmerksamkeit und arbeitet die Ambivalenzen und Folgen dieses Schrittes heraus. In Dresden übernimmt Grundig eine Professur für Grafik und beteiligt sich aktiv am kulturellen Aufbau der DDR. Gleichzeitig stößt sie als Westemigrantin auf Misstrauen seitens der SED-Funktionäre und muss sich ihren Platz im sozialistischen Kulturbetrieb erst erkämpfen. Ihre Bemühungen, sich als überzeugte Kommunistin in die kulturelle Erinnerung und den Aufbau einer «offiziellen» Kunsttradition der DDR einzuschreiben, werden von inneren und äußeren Konflikten begleitet. War sie in Palästina willkommen, musste sie sich in der DDR erst bewähren und zurechtfinden.
Mit einer zugleich empathischen und analytischen Perspektive gelingt es van Laak, Grundigs Leben als Spiegel der politischen und gesellschaftlichen Umbrüche des 20. Jahrhunderts zu schreiben. Exil und Flucht werden dabei nicht nur als räumliche Entwurzelung verstanden, sondern als tiefgreifender sozialer, emotionaler und künstlerischer Prozess, eben als «Exil im Gepäck», der sich durch alle (erzwungenen) Veränderungen zieht.
Überzeugend ist die enge Verknüpfung von Biografie und Werk. Van Laak interpretiert Grundigs Zeichnungen, Grafiken und Illustrationen als Ausdruck persönlicher Erfahrung und politischer Haltung, ohne sie auf reine Zeitdokumente zu reduzieren. Die künstlerische Produktion erscheint als Mittel der Verarbeitung von Krieg, Verfolgung und Verlust ebenso wie als Instrument gesellschaftlicher Positionierung.
Nicht zuletzt profitiert die Biografie von der Vielfalt des herangezogenen Materials. Es wird durch die reichhaltig vorhandenen Quellen möglich, neben den großen Lebensstationen persönliche Beziehungen, künstlerische Netzwerke und innere Konflikte sichtbar zu machen. So entsteht das Bild einer vielschichtigen, wenn nicht «schwierigen» Persönlichkeit, geprägt von Widersprüchen, Zweifeln und dem stetigen Ringen um Selbstvergewisserung. Van Laak kann auch die Lücken darstellen; sie benennt, welche Personen und welche persönlichen Verhältnisse Lea Grundig in ihren offiziellen Werken verschweigt, etwa in ihren 1958 erstmals erschienenen Memoiren.
Das Buch ist ein eindrucksvolles Porträt einer Künstlerin, deren Lebensweg exemplarisch für die Erfahrungen jüdischer Emigrant:innen und DDR-Rückkehrer:innen steht. Hier liegt ein kunst- und zeitgeschichtlich gleichermaßen beachtenswertes Werk vor, das zur Auseinandersetzung mit Exil, Erinnerung, der Rolle von Kunst in politischen Umbruchzeiten und nicht zuletzt den Verhältnissen in der neugegründeten DDR einlädt.
Jeannette van Laak: Das Exil im Gepäck. Die Lebenswege der Grafikerin Lea Grundig; Campus Verlag, Frankfurt am Main 2025, 290 Seiten, 34 Euro


