Dokumentation Eine Bildungsreise in den Nationalpark Harz

Ein Bericht von Bernd Löffler (RLS Thüringen)

Information

Zeit

Das menschliche Wirken reicht mit einer enormen Gewalt bis ins Innerste der natürlichen Systeme und Prozesse. Es scheint, als habe der menschliche Einfluss die Vorstellung überholt, die Natur sei ein sich selbst regulierendes System, welches sich steuert und reproduziert. Der Mensch sei zwar selbst Teil der Natur, habe aber auf Grund seiner Entwicklung die Möglichkeit, natürliche Entwicklungen durch wissenschaftliche Forschung und Erkenntnisse zu beeinflussen, wenn nicht sogar grundlegend zu verändern. Und zwar im Interesse des Menschheitsfortschritts. Die sich verschärfenden ökologischen Krisen (Klima, Artenschwund, Wasserverschmutzung usw.) weisen jedoch im Kontext mit anderen Krisenprozessen darauf hin, dass dies nicht ohne Folgen bleibt. In diesem Zusammenhang wird seit einiger Zeit über die Vorstellung eines neuen Erdzeitalters diskutiert – das Zeitalter des Anthropozäns. In der Veranstaltung wird erläutert, was diese Hypothese beinhaltet und welche Konsequenzen sich aus ihr ergeben. Es wird nach Wegen gesucht, die einen neuen Umgang des Menschen mit der Natur ermöglichen.

Vom 24. bis 26 Juni reiste eine Gruppe von 13 Personen aus Thüringen und Sachsen-Anhalt, organisiert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen und der Offenen Arbeit Erfurt, nach Torfhaus in den Nationalpark Harz, um sich vor Ort ein Bild von den Schäden zu machen. Aber noch mehr auf der Suche nach Antworten, welche Ansätze es gibt, um Flora und Fauna des Harzes zu schützen bzw. wieder neu aufleben zu lassen.

Zu Beginn erläuterte Jens Halves, Mitarbeiter des Nationalparks, die Aufgaben eines Nationalparks im Allgemeinen und des Nationalpark Harz im Besonderen. Er war der erste länderübergreifende Park nach dem Ende der DDR. Im Bereich des Harzes existieren zudem vier Naturparks und das Biosphärenreservat Südharz. Auf der ostdeutschen Seite verdankt sich die Entstehung des Nationalparks der Initiative von Professor Michael Succow (Universität Greifswald, ehem. stellvertretender Minister für Natur-, Umweltschutz und Wasserwirtschaft der DDR, welcher am Ende der DDR gemeinsam mit anderen Naturschützer*innen für ein Nationalparkprogramm der DDR sorgte.

Der erste Eindruck bei der Anreise war für die Teilnehmenden ein Blick auf die großen Flächen abgestorbener Fichten – ein trauriger, erschütternder Anblick.

Zu Beginn berichtete Jens Halves aus der Geschichte dieses nördlichsten Mittelgebirges. Er erläuterte, dass die Köhlerei (für die Verhüttung von Rohstoffen), der Abbau von Silber, Kupfer, Eisen und Blei für die Entwaldung dieses Mittelgebirges sorgten. Wegen des großen Holzbedarfs entschloss man sich um1900 zum Anbau riesiger Fichtenwälder. Diese wirken heute bei Bränden wie ein Blasebalg. Die Trockenheit der letzten Jahre besorge den Rest. Aktuell bestehen die Wälder zu 80% aus Fichten- und 20% aus Buchenbeständen.

Als oberste Prämisse des Nationalparks gilt der Leitspruch: „Natur Natur sein lassen“. Er bedeutet, natürlichen Prozessen ihren Lauf zu lassen und dem Wald beim Werden und Vergehen Schutz zu gewähren.

Auf den Borkenkäfer (Großer Buchdrucker) angesprochen, erläuterte Herr Halves, dass gesunde Fichten eigenes Gift für ihren Schutz produzieren. Doch die Fichten verlieren durch die Erwärmung, welche ihren natürlichen Widerstand schwächt, ihre Kraft um zu widerstehen.

Im Nationalpark wird zwischen Kernzone (Dynamikzone) und Entwicklungszone unterschieden. Die Kernzone umfasst - mit steigender Tendenz - gegenwärtig 75 % der Waldfläche. Hier wird der Natur selbst die weitere Entwicklung überlassen. Veränderungsprozesse verlaufen ohne äußere Eingriffe. In der Entwicklungszone wird eine initiale Unterstützung durch Anpflanzungen (Buchen in mittleren und tiefen Lagen) gewährt. Auf diesbezügliche Rückfragen fiel der bemerkenswerte Satz. „Der Wald stirbt nicht, er verändert sich“.

Im Anschluss an diese einführenden Informationen wurde in einem Vortrag über den Begriff des Anthropozäns, seiner Entstehung und den Kontext im Zusammenhang mit den aktuellen katastrophalen Entwicklungen in weiten Teilen der Welt informiert.

Am Samstag und Sonntag wurden bei geführten Wanderungen diese vorherigen Erläuterungen durch praktische Ansichten vertieft. Unter anderem wurde auf das Anwachsen der Luchs-Population und seiner Grenzen verwiesen. Im Harz sei diese Grenze wegen des geringen Platzes und des großräumigen Raumbedarfs der Luchse bereits erreicht. Nun wird überlegt, auf welche Weise Wanderungsbewegungen junger Luchse unterstützt werden können. Immer wieder auf die vielen abgestorbenen Bäume angesprochen, verwies Herr Halves darauf, dass diese für Flora und Fauna ihren Nutzen behielten. Einerseits schaffen sie Platz für Nachwachsendes, andererseits bieten sie z.B. Vögeln und Insekten Nahrung und Schutz. Niemand wüsste, welche Art von Bäumen in diesen Lagen angesiedelt werden könne. Und niemand wisse, welche Bäume sich nach dem Verschwinden der Fichte ansiedeln werden. Das werde der Natur überlassen. Aber prinzipiell drohen dem Harz die gleichen Gefahren wie allen Wäldern: Die Klimakatastrophe werde zu großen Veränderungen führen, deren Ausmaße zum Teil aber noch nicht klar seien.

Ein anderer wichtiger Aspekt der Wanderungen war die Entwicklung der Moorlandschaften. Ihre wirtschaftliche Nutzung endete erst in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Vorher dienten sie der Nutzung als Bauland, für die Landwirtschaft und als Torf für den Gartenbau. In und um die Moore wurden Menschen angesiedelt, welche die Moore urbar machten. In dieser Zeit entstand auch der Spruch „Dem ersten den Tot, dem zweiten die Not, dem dritten das Brot“. Heute seien die Moore geschützt und könnten sich langsam erneuern. Die Wanderung durch das große Torfhausmoor (30 ha Fläche, 6,50 Meter Mächtigkeit) und dem WaldWandelWeg vervollständigten den letzten Teil der Bildungsreise. 

In der Feedbackrunde stellten die Teilnehmenden fest, dass der erste Eindruck doch immer wieder täuschen kann. Der Wald ist nicht tot - er ist auf der Suche nach einem neuen Leben. Und damit ist er gar nicht so weit von den menschlichen Notwendigkeiten entfernt.

Den Kollegen und Kolleginnen das Nationalparks sei Dank.